Erste urkundliche Erwähnung 1184
Erste urkundliche Erwähnung 1184

Zwei winzige Dörfchen im Untertaunus, jeweils eine Handvoll geduckte, mit Stroh gedeckte Häuser, eine hölzerne Kapelle, umgeben vom Friedhof. Über die entweder staubtrockenen oder schlammigen Pfade zwischen den Häusern laufen Hühner und Schweine. Einige Äcker liegen an den Hängen ringsum. Alles ist umgeben von dichtem Wald, in dem auf kleinen Lichtungen Schafe und vereinzelte Ochsen weiden.
So könnten die Orte Libbach und Strinz-Margarethä um 1184 ausgesehen haben, im Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung der Dörfer. Das Leben der Menschen spielte sich in bescheidenem Rahmen in der Trostlosigkeit eines winzigen Weilers ab.
Bereits weit vor 1184 begann die Siedlungsgeschichte. In der Zeit, als die Römer am Ende des ersten Jahrhunderts den Limes als Grenzbefestigung errichteten, gab es nördlich des von den Römern errichteten Kastells Zugmantel zwei Libbacher Siedlungen. Diese aber dürften nach der Vertreibung der Römer aus der Region wieder verschwunden sein.
Archäologische Detailergebnisse mit Hügelgräbern und Steinbeilfunden zeigen zudem, dass bereits weit vor der Römerzeit, um 800 v. Chr. Menschen die Region zumindest durchwanderten.
Den entscheidenden Impuls zur Besiedlung des heimischen Raumes setzte der Mainzer Erzbischof Lullus, als er um 770 die Reliquien des Heiligen Ferrutius zur Gründung eines Klosters nach Bleidenstadt brachte. Über dessen Gebeinen wurde dort die erste Klosterkirche gebaut und im Jahr 812 eingeweiht.
Die Mönche des Klosters Bleidenstadt lebten nach der Regel des heiligen Benedikt, die sich trefflich mit dem berühmten Satz „ora et labora - bete und arbeite!" zusammenfassen lässt. Überall dort, wo sich die benediktinischen Mönche im Frankenreich niederließen, bemühten sie sich, durch Rodung und Siedlung und die Verbesserung der Bodennutzung die jeweiligen Gebiete landwirtschaftlich zu erschließen, denn schließlich suchten die Mönche in der Tiefe des Waldes nicht nur Stille und Einsamkeit. Als Selbstversorger mussten sie den Wäldern auch das notwendige Ackerland abringen. Dies geschah so auch im Untertaunus, obwohl sich hier - bedingt durch die Kargheit des Bodens - keine blühende Landwirtschaft oder Viehzucht entwickeln konnte, von der Ausbeutung nennenswerter Bodenschätze ganz zu schweigen.
Aus dem Jahr 812 datiert eine Urkunde („Terminatio ecclesiae sancti Ferrutii in Blidenstat"), die die Grenzen des Klosters Bleidenstadt beschreibt. Die Grenzen des Bezirks umfassten der Urkunde zufolge einen großen Bereich, „ad Strinzepham flumen" (bis zum Strinzer Bach), der auch das Libbacher Gebiet umschloss - ohne jedoch Hinweise auf die Besiedlung des Gebietes zu geben. Immerhin waren die Grenzen der Abtei Bleidenstadt damit erstmals umrissen.
Innerhalb dieses Gebietes entstanden in den folgenden Jahrhunderten kleine landwirtschaftliche Siedlungen.
Insgesamt können wir davon ausgehen, dass der Taunus im frühen Mittelalter nur spärlich besiedelt war. Wenn in dieser Zeit menschliche Niederlassungen gegründet wurden, entstanden sie zunächst wohl nicht an den dicht bewaldeten Hängen des Taunus, sondern dort, wo die Natur großzügiger und die Transportbedingungen für Handelsgüter besser waren, also idealerweise in der Nähe schiffbarer Flüsse.
Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches hatte sich die Bevölkerungszahl in ganz Europa infolge der Völkerwanderung und furchtbarer Seuchen dramatisch verringert. Lebten nach vorsichtigen Schätzungen noch im 4. Jahrhundert etwa 60 Millionen Menschen in Europa, war der Tiefpunkt um das Jahr 600 herum erreicht.
Wissenschaftler schätzen, dass zu diesem Zeitpunkt nur noch 27 Millionen Menschen Europa bevölkerten.
Nach dem Chaos der Völkerwanderung setzte dann spätestens unter Karl dem Großen eine politische und damit einhergehend eine wirtschaftliche Stabilisierung ein. Dies führte dazu, dass sich in den folgenden Jahrhunderten die Bevölkerungszahlen steil nach oben entwickelten.
Darüber hinaus führten einige technische Entwicklungen wie die Entdeckung des Kummets, die Erfindung der Wassermühle und der Einsatz des Eisens bei der Herstellung von Pflügen, Eggen, Sicheln und Sensen dazu, dass die Landwirtschaft einen großen Schritt nach vorne machte. Es wurde einfacher, dem Wald neues Ackerland abzuringen und die Erträge der Äcker zu steigern.
Irgendwann nach 812 entstanden dann auch Weiler in unserer Region. Es gab mittlerweile genügend Menschen, um die landwirtschaftlichen Flächen zu besiedeln und weitere nutzbare Flächen zu erschließen. Dies wiederum lag auch im Interesse der Bleidenstädter Abtei, die von den Siedlern ihres Gebietes entsprechende Abgaben erhielt und Dienste einforderte.
Dazu gehörte der so genannte „Zehnte", der abzuliefern war, bestehend aus dem zehnten Teil der landwirtschaftlichen Erträge.
Der „Große Zehnte" umfasste die Erträge von Getreide und Heu, der „Kleine Zehnte" Gemüse. Der „Blutzehnte" erstreckte sich auf die lebenden Haustiere und deren Produkte wie Honig, Milch, Butter und Eier. Dazu hatten die Bewohner noch für das Kloster Hand- und Spanndienste zu leisten. Das Kloster bekam seinen Teil der Erträge der Bauern.
Andererseits war es ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit, denn die belesenen Mönche brachten auch das Wissen um bessere Anbaumethoden zu den Bauern und halfen so, deren Lebensbedingungen zu verbessern

Bei der Gründung von „Lidelbach" und Strinz-Margarethä gab es weder einen
Gründungsmythos noch ein Dokument noch ein sonstiges Datum, das den Beginn der Besiedlung markiert. Zu unbedeutend waren die kleinen Orte, eben nur eine Besitzung des Klosters Bleidenstadt, der weiteren Erwähnung zunächst nicht wert.

Dass der erste Beleg für die Existenz eines besiedelten „Lidelbachs" und Strinz-Margarethäs im Jahr 1184 erst infolge eines Konfliktes beurkundet wurde, verwundert nicht, da in jener Zeit exakte Bestimmungen und rechtliche Lösungen in der Regel erst im Konfliktfall gefragt waren und Entscheidungen besonders in solchen Fällen schriftlich gefasst werden mussten.
Eine Auseinandersetzung des Bleidenstädter Abtes mit den Grafen von Katzenelnbogen um Besitzansprüche des Klosters konnte offenbar nur mit der schriftlichen Bestätigung dieser Besitzungen des Klosters durch eine Bulle des Papstes Lucius III. (vorübergehend) beigelegt werden. In dieser Bulle wurden die Besitzansprüche des Klosters konkretisiert und die Existenz eines Ortes namens „Lidelbach" erstmals zuverlässig dokumentiert.

Die Schreibweisen der Ortsnamens änderten sich im Laufe der Jahrhunderte. Ab 1446 sind zwei Orte namens „Liedebach" bekannt, ab 1527 die Namen „Niederen" und „Oberen Liedbach".

Insofern feiern die alten Orte Nieder- und Oberlibbach gemeinsam mit Strinz-Margarethä zu Recht in diesem Jahr ihren 825. Geburtstag. Der vierte Ort des Kirchspiels, Hambach, wurde im Jahr 1230 erstmals urkundlich erwähnt.